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  • Silvio Zuellig

Die Portugal-Experience, 1. Teil

Updated: 6 days ago



Für uns beide noch weitgehend unbekanntes Territorium und damit letzter „blinder Fleck“ im westlichen Europa, wollen wir Portugal entdecken. Darauf freuen wir uns, als wir von Galizien her in’s Land einreisen.


Gegen Ende Oktober flackert überall in Europa die Corona-Pandemie wieder auf. Was erwartet uns an der Grenze? … Nichts! Ungehindert, unbeachtet überqueren wir den Grenzfluss Rio Minho*.


Zwischen Mitte Oktober und Mitte Januar verbrachten wir 83 Tage, rund 2 ½ Monate, in Portugal und haben dort rund 3000km zurückgelegt. Speziell die starken Kontraste und hohe Intensität dieses Reiseabschnittes haben uns überrascht, gefreut und gefordert. Auch wenn Reisen das ja bekanntlich immer irgendwie mit sich bringt - das war schon aussergewöhnlich, auch für Leute mit Reiseerfahrung wie Sue und mich. Ironisch passend zum Jahr 2020, in dem so gut wie alles aussergewöhnlich war.



* Über unser Reisen in Zeiten von Corona berichte ich in einem separaten Blogbeitrag speziell zu diesem Thema.



Extremo! Der Auftakt


Für’s erste installieren wir uns ganz im Norden an einem netten Hügel-Rastplatz mit Panoramablick - von dem wir in den folgenden Tage kaum etwas haben: Das Dorf neben unserem Aussichtspunkt, Extremo, macht seinem Namen alle Ehre: Kalte Sturmwinde und dichtester Nebel halten uns drinnen und begleiten uns durch die nächsten Tage. Begünstigt davon arbeiten wir an unserer Webseite und der langersehnten Veröffentlichung davon. Ein Besuch bringt willkommene Abwechslung: Marcio, dem ich einige Tage davor beim Wasser füllen begegnet bin, und seine Rosa stellen sich mit ihrem Toyota Troopy Overlander neben uns ins Nebelsturm-Camp und bringen etwas Sonne mit. Aus einem vergnüglichen ersten Abend wird in den folgenden Wochen eine neue Freundschaft.




Portugal Norte


Das Wetter bessert sich wieder und wir setzen unseren Weg fort. Nordportugal beeindruckt mit wunderschön terrassierten Hängen und üppiger Vegetation. Abwechslungsreiche Landschaften säumen unsere Strecke. Senken mit Flüssen und vielen Stauseen wechseln sich ab mit Gebirgszügen, den Serras, teils lieblich, teils schroff.


Die grundsätzliche Richtung ist südlich, aber wir reisen intuitiv, der Nase nach, lassen uns zu Schwenkern und Abstechern verleiten. Daraus ergibt sich die eine oder andere Überraschung, und so kommen wir unerwartet zu einem Highlight:

Sue legt die Strecken mit dem Ebike zurück, wie seit dem nördlichsten Punkt der iberischen Halbinsel oben in Spanien, ich mit unserem Truck Elefantino. Wir sind also getrennt unterwegs, sehen den grossen, markanten Hügel aber fast gleichzeitig. Sie ruft mich an: „Wäre das was, wollen wir da hoch?“ Auf der Karte kann ich eine spiralförmige Strasse bis hoch auf den Gipfel erkennen. „Ja klar, lass uns das machen!“. Der Weg dahin ist auch mit dem Truck ohne Einschränkungen befahrbar, so treffen wir auf dem ‚Alto de Farinho‘ oben wieder zusammen.


Dort, zuoberst, auf fast 1000m, thront eine Kirche (Senhora de Graça). Wir können Elefantino direkt daneben parkieren, niemand stört sich daran, kaum jemand ist da, fantastisch. Das Rundum-Panorama begeistert. Wir stossen auf diese Entdeckung an und prosten der untergehenden Sonne entgegen. Nach Einbruch der Dunkelheit haben wir diesen Hügel ganz für uns alleine. Am nächsten Morgen um 6 geht der Wecker, wir stehen noch im Dunkeln auf und fotografieren in der Morgendämmerung ausgiebig und genüsslich die atemberaubende Szenerie.



Portugal spielt also seine Reize. Beflügelt von dem Weitsicht-Rausch bei unserer Hügelgipfel-Kirche machen wir Strecke weiter in den Süden. Die Landschaft bleibt attraktiv und abwechslungsreich, mal milder, mal wilder. Ich verstehe nun die Leute besser, die vom Charme der nördlichen Portugalhälfte berichtet haben. Auch, dass die Gegend bei Aussteigern beliebt ist: Dünn besiedelt, viel Platz in fruchtbarer Natur, wenig touristische Hotspots, ansprechendes Klima.




Der Berg ruft


Der Gebirgszug Serra de Estrela, Nationalpark, ist uns empfohlen worden, da fahren wir hinauf. Ein Wetter-Hoch kündigt sich an, wir profitieren davon: Anfang November macht das Sinn, es wird nur noch kälter, der Schnee wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Neben einem Stausee auf 1600m im Estrela - Gebiet errichten wir unser Basis-Lager. Hier testen wir die folgenden zwei Tage zum ersten Mal ein anderes Setting im Rahmen der Symbiose zwischen Ebikes und Fernreisemobil: Elefantino bleibt stehen, und wir erkunden beide zusammen mit unseren Bikes in Tagestouren die weitere Umgebung.


Mountainbiking ist das, im wahrsten Sinne des Wortes - und wir kommen dabei voll auf unsere Kosten. Wir bewegen uns zwischen 1000 und 2000M.ü.M., nichts davon ist öde oder langweilig, vielmehr bieten Senken und durch Gletscher geformte U-Täler in kurzen Wechseln mit Bergkuppen und Pässen viel Abwechslung mit immer wieder fantastischen Aussichten. Teils haben wir klare Luft, mit Sonnenschein, teils kommen wir in dichten Nebel mit 20m Sichtweite, dies in häufigen, abrupten Wechseln. Gutes Offline-Kartenmaterial und Navigations-Skills helfen uns jeweils die Orientierung nicht zu verlieren. Alpin der Charakter, gewissermassen, aber doch deutlich anders als in den Alpen weit oben im Norden.



Die beiden Batterien mit zusammen 1125 Wh füttern die Motoren unserer Bikes mit der Unterstützungskraft, welche auch steile Anstiege genussvoll sein lassen. Ein Satz Akkus reicht gut für solche Tagesetappen von 80 bis 120km mit vielen Höhenmetern. Die Sportlichkeit bleibt trotzdem, denn ohne Muskelarbeit geht bekanntlich nichts.


Wo es sich anbietet verlassen wir befestigte Strassen. Und wenn dann breitere, bequeme Pisten übergehen in schmale schottrige Gebirgstrails wird es abenteuerlich. Hier kommen die Offroad-Qualitäten unserer eBikes mit der hervorragenden Federung so richtig voll zum tragen und lassen uns elegant über jedes Terrain hinwegbrettern, auch mit hoher Geschwindigkeit.


Gegen Ende des ersten Tages ist ein Abschnitt nur noch ein Fusspfad, hier müssen wir zusammen jedes Rad einzeln und separat unser Gepäck rund 150m Meter hoch tragen, ein schweisstreibendes Unterfangen. Wir werden anschliessend mit einem sensationellen Sonnenuntergang belohnt, und kommen pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit zurück in die ‚warme Stube‘ Elefantinos.



Für den zweiten Tag nehmen wir uns einen noch ausgedehnteren Rundkurs vor.

Die Sonne lacht uns entgegen, als wir von unserem Basislager aus hoch an die erste Kreuzung kommen… und da von der Polizei gestoppt werden. Ui. Wegen Corona ist ja die Reisefreiheit eingeschränkt, viele Regionen Portugals sind abgesperrt. Kriegen wir jetzt Ärger? Einige grosse Fahrzeuge stehen da, völlig unerwartet auf dem sonst fast menschenleeren Berg, sowie Event-Zelte. Auf einem Wagen steht „Maske“, ein anderer ist eine Wurstbude… Die Beamten erklären uns freundlich, dass hier heute ein grosser Werbefilm-Dreh stattfindet, für ein neues Modell einer bekannten Automarke. Ein Abschnitt unserer Route ist dafür komplett gesperrt worden. Wir sollen umkehren oder warten, kann länger dauern…


Dann jedoch kommt einer von der Filmcrew im schwarzen Van mit verdunkelten Scheiben und winkt uns her: Wir hätten ein kurzes Fenster von einigen Minuten um die Strecke hinter uns zu bringen. Wir sollen uns beeilen und dicht hinter ihm bleiben, er fahre vor. Wir werden durch das Gewusel von Filmteams, Security und anderem Personal gelotst, und rasen ohne zu bremsen mit bis zu 80km/h hinter dem Van diese gesperrten, verkehrsfreien 10km runter, wie auf einer Rennbahn, an allen Streckenposten des Filmdrehs vorbei. Der blecherne Filmstar ist nicht zu sehen, er wird sorgsam und in militärischer Art vor allen Blicken abgeschirmt, top secret. Deshalb haben wir auch keine Fotos von diesem Erlebnis. Dieselben Polizisten fahren später noch einige Male an uns vorbei und winken uns fröhlich zu…


Der Tag hat schon mal gut angefangen. Etwas später kürzen wir die Strecke ab, weg von der Asphalt-Schlaufe aussen rum, quasi Luftlinie über eine Bergkuppe hinweg, offroad, 600 Höhenmeter hoch und wieder runter auf eine Distanz von 7 km. ... Das zweite highlight heute.



Anschliessend sind wir unten auf 700 m.ü.M. und müssen natürlich wieder zurück zu unserem Basislager. Der Weg führt über eine Passhöhe auf 2000 m. Da oben erwischt uns die Dämmerung gleichzeitig mit Nebel und Nieselregen und macht die Abfahrt zu Elefantino anspruchsvoll und ungemütlich. Durchnässt und frierend können wir im Licht der starken Supernova-Leuchten unserer Bikes die glatte Strasse gerade noch knapp erkennen… Den ganzen Tag schon sind wir weit und breit die Einzigen… Plötzlich jedoch sind vor uns Lichtpunkte erkennbar und wir werden wieder mal gestoppt, von alten Bekannten, in aller Freundlichkeit: Die Filmleute grüssen und lachen, von den Ordnungshütern kein Ton, weder zu Corona noch zu Wild Camping oder sonst was, einfach nur Wohlwollen. Diese sonderbare, erfreuliche Erfahrung rundet unseren ereignisreichen Tag ab. Der Berg hat uns alles geboten was wir uns von ihm gewünscht haben.




Alentejo


Zwei Tage später finden wir uns unten in den letzten Ausläufern der Serra Estrela wieder, an einem lauschigen Plätzchen, direkt am Fluss Zêzere gegenüber dem Kulturerbe-Dörfchens Dornes. Hier ist es milder, und wir haben sowas wie unser eigenes Gärtchen. Hinter uns liegen Portugals Regionen ‚Norte‘ und ‚Centro‘. Wir sind jetzt in etwa in der Mitte des Landes, vor uns im Süden liegen die weitläufigen Ebenen von Alentejo. Elefantino ist aufgefüllt mit Wasser und Nahrungsmitteln, so können wir einige Tage stehen bleiben. Denn wir brauchen wieder mal Zeit, Standtage, um unsere Eindrücke und Erfahrungen medial zu verarbeiten, andere Arbeiten zu erledigen, Fahrzeuge und Haushalt zu pflegen und so weiter. Auflockerung bieten Spaziergänge und Kajak-Touren auf dem Fluss, wenn’s mal gerade nicht regnet.



Ein schönes Stück weiter südlich, im flachen Alentejo, finden wir an einem dieser unzähligen gestauten Flüssen einen paradiesischen Standort: Ein weitläufiges Gebiet, wild, mit grossen Pinien, wie eine Savanne anmutend, man wähnt sich in Afrika. (Eine Aufnahme von hier findet Verwendung als Motiv für unseren Weihnachtsgruss 2020.) Wir bleiben zwei Nächte und merken: Nun haben wir endlich diese Klima-Grenze überschritten, eine unsichtbare Linie quer durch die unter Hälfte der Iberischen Halbinsel. Unterhalb dieser Grenze ist es deutlich trockener, und wärmer, auch abends. Südlich von hier gibt’s so gut wie kein Schnee mehr, kaum Frost, es bleibt ganzjahres-grün. Wir haben den Winter endlich definitiv hinter uns gelassen. Das macht uns nicht wirklich traurig…




back to life!


Unsere nächste Destination heisst Evora…, eine Stadt! Die erste, für uns, in Portugal: Porto und alle anderen bisher haben wir ausgelassen*. Wir kommen Abends an, parken Truck und Räder, machen eine erste Runde durch die Stadt und entdecken ein verstecktes schnuckeliges kleines Lokal. Es ist offen, wir sind die ersten und bekommen eines der fünf Tischchen und lokale Köstlichkeiten. Ein Restaurant-Besuch, zum ersten Mal in diesem Land, und seit über 4 Wochen*! Während und nach der Malzeit wird Fado gesungen, diese in Portugal typischen traditionellen melancholischen Gesänge. Die Hälfte der Gäste im Lokal trägt abwechselnd ihre Lieder vor, und alle singen die Refrains mit. Dies hier ist keine Show für Touristen, wir werden vielmehr Zeugen einheimischer, authentisch gelebter Kultur. Etwas vom wertvollsten was man auf Reisen erleben kann. Die besonderen Umstände machen das ganze Erlebnis noch kostbarer und genussvoller*.



Am nächsten Tag bummeln wir in strahlendem Sonnenschein durch die schöne historische Altstadt. Menschen! Leben! Offene Läden und Kaffees!* Wir setzen uns draussen an ein Tischchen und geniessen in vollen Zügen die wärmende Sonne, den Cappuccino und das Treiben um uns herum.*… Was für ein krasser Kontrast zu den Erfahrungen von Einsamkeit und gespenstiger Leere in der Abgeschiedenheit der letzten Wochen.*


„Per Zufall“ kommen wir mit dem freundlichen Herrn am Nachbartisch ins Gespräch und unterhalten uns auf Distanz über die Hauptstadt Portugals. Eigentlich haben wir uns bereits damit abgefunden auf den Corona-Hotspot Lissabon zu verzichten*. Aufgrund seiner Einschätzung und auf seine Empfehlung hin entscheiden wir jetzt, die Landeshauptstadt doch zu besichtigen. Einerseits ein lohnenswerter Entscheid, andererseits ein verhängnisvoller, wie sich in der Folge noch zeigen wird.

* Wer die vielen Asterisk und Emotionen besser verstehen will: Reisen in Zeiten von Corona


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